Tempo 30: Hintergründe und Fakten

Die Europäische Bürgerinitiative "Tempo 30 - macht die Städte lebenswert" sammelt seit Mitte November Unterschriften für 30 km/h als Regelgeschwindigkeit innerorts. Der Verbund Service und Fahrrad (VSF g.e.V.) unterstützt diese Initiative für mehr Sicherheit im Straßenverkehr und ruft ebenfalls zum Unterzeichnen auf. Auf dieser Internetseite finden Sie zahlreiche Informationen, warum 30 km/h als Regelgeschwindigkeit sinnvoll ist.

 

Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in geschlossenen Ortschaften ist kein neues Thema. Bereits in den 1980er Jahren gab es erste Kampagnen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit, die eine Annäherung der Geschwindigkeiten der unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer in einer Stadt forderten.

 

Neuer Aufwind

Seit kurzem erhalten die Forderungen nach Tempo 30 gleich von mehreren Seiten neuen Aufschwung: Das EU Parlament hat im September 2011 einem Aktionsplan für mehr Sicherheit zugestimmt, in dem es u.a. heißt, man „empfiehlt den zuständigen Behörden nachdrücklich, in Wohnbereichen und auf allen einspurigen Straßen in Stadtgebieten, die keine getrennte Fahrbahn für Radfahrer haben, zum besseren Schutz der schwächeren Verkehrsteilnehmer generell eine Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h vorzuschreiben“. Aber auch der wissenschaftliche Beirat des Bundesverkehrsministeriums hat sich im Rahmen der Beratungen zum Verkehrssicherheitsprogramm 2011 für Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit ausgesprochen.

 

Branchenkongress spricht sich für Tempo 30 aus

In diesem Sinne sprachen sich auch Vertreter der Fahrradwirtschaft auf dem vivavelo Kongress 2012 für die Regelgeschwindigkeit von 30 km/h innerhalb von Ortschaften aus und forderten die Umsetzung der Empfehlung des EU Parlaments. Dabei ist ganz bewusst von einspurigen Straßen die Rede: „Es geht uns darum, den vorhandenen Straßenraum für ALLE Verkehrsteilnehmer sicher zu gestalten“, erläutert Albert Herresthal, Vorstand des VSF g.e.V., der den Kongress initiiert hatte. „Wir wollen eine angstfreie Mobilität für alle erreichen – gerade auch in Zeiten des demographischen Wandels. Auf mehrspurigen Haupt- und Ausfallstraßen, die über eine eigene Radfahrspur oder einen gut ausgebauten Radweg verfügen, soll auch weiterhin mit 50 km/h oder schneller gefahren werden.“

 

Mehr als 70% Nebenstraßen in deutschen Städten

Die Mehrzahl der Straßen in deutschen Städten sind Nebenstraßen. Zwei Beispiele seien hier genannt: Die Stadt Berlin verfügt über ein Straßennetz mit einer Gesamtlänge von rund 5.400 Kilometern (ausgenommen Autobahnen). Davon sind 1.540 km als übergeordnete Straßen kategorisiert. 71,5% der Berliner Straßen sind demnach keine Hauptverkehrsstraßen! Laut einer Aussage des ADAC in einem Artikel einer großen Wochenzeitung vom 23. November 2010 gelte „bereits auf 78 Prozent der Berliner Straßen Tempo 30“. Der deutsche Schilderwald lässt grüßen.
Das Straßennetz der freien Hansestadt Hamburg ist rund 4.000 km lang. Etwa 550 km davon sind als Hauptstraßen deklariert. Damit sind in Hamburg sogar 86,25% der Straßen Nebenstraßen. Laut einer Hamburger Tageszeitung sind 56% der Straßen in der Hansestadt mit Tempo 30 beschildert.
Die Diskrepanz zwischen dem „Normalfall“ der Realität und dem „Regelfall“ der Gesetzgebung ist offensichtlich.
Tempo 30 als innerörtliche Regelgeschwindigkeit würde es den Behörden leichter machen, auf Nebenstraßen Tempo 30 vorzuschreiben. Heutzutage ist das noch ein komplizierter bürokratischer Akt und häufig erst umsetzbar, nachdem bereits Unfälle mit Personenschäden passiert sind.

 

Für und Wider

Die Argumentationsliste der Tempo 30 Befürworter ist lang:

  • Erhöhung der Sicherheit im Straßenverkehr für alle Verkehrsteilnehmer, vor allem aber für Kinder und Senioren,
  • eine deutliche Reduzierung von tödlichen Verkehrsunfällen,
  • Minderung der Lärmbelästigung,
  • Steigerung der Lebensqualität,
  • Vereinfachung der Beschilderung,
  • Verbesserung des Verkehrsklimas,
  • ...

Eine wissenschaftlich fundierte Zusammenstellung der Argumente hat uns Prof. Dr. Maria Limbourg von der Universität Duisburg Essen (UDE) zur Verfügung gestellt. Diese können Sie entweder hier nachlesen oder in einer zusammengefassten Version als PDF herunterladen.
Gegner von Tempo 30 argumentieren gerne mit der Sorge um zunehmende Verkehrsstaus. Um diese zu vermeiden, müsse der Verkehr schnell abfließen können. Dabei wird allerdings übersehen, dass Staus vor allem vor Kreuzungen und Knotenpunkten entstehen. Und da ist nichts gewonnen, wenn möglichst viele Kraftfahrzeuge schnell an diese Kreuzungen heran geführt werden. Tempo 30 würde hingegen zu einem kontinuierlicher fließenden Verkehr führen.

 

Wie viele Sekunden ist uns ein Menschenleben wert?

Welche Ausmaße die Überbewertung der Geschwindigkeit annehmen kann, zeigen die in regelmäßigen Abständen auftauchenden Klagen gegen Tempo 30 vor Schulen oder Kitas. Für einigen Medienrummel sorgte etwa die Klage einer Berliner Rechtsanwältin, die sich durch eine Tempo 30 Anordnung vor einer Schule „in ihren Rechten als Autofahrerin auf dem Weg zur Arbeit und zum Einkaufen verletzt“ sah. Die Ablehnung des Richters war eindeutig: Die Abwägung zwischen dem Leben der Kinder und den zwölf Sekunden Zeitersparnis der Autofahrerin könne nur in einer Richtung ausgehen.
Schon in der Fahrschule lernen wir den Zusammenhang zwischen Geschwindigkeit und Anhalteweg. Nicht erwähnt wird jedoch, was in Maria Limbourgs Arbeit nachzulesen ist: „Untersuchungen zeigen, dass in Tempo 30-Zonen etwa 40 % weniger Unfälle als in vergleichbaren Tempo 50-Bereichen passieren. [...] Die bislang vorliegenden Untersuchungen zeigen [auch], dass nach der Einführung von Tempo 30 die Anzahl der bei Unfällen getöteten und schwerverletzten Personen sogar um 60 bis 70% zurückgeht. [...] Während bei einer Aufprallgeschwindigkeit von 30 km/h „nur” 30% aller verunglückten Fußgänger getötet werden, sind es bei Tempo 40 schon 50% und bei Tempo 50 bereits 80%. [...] Ab einer Geschwindigkeit von 60 km/h gibt es für sie keine Überlebenschance mehr.“

 

Engagement für weniger Tempo

Deshalb setzt sich der VSF für Tempo 30 auf einspurigen Straßen in geschlossenen Ortschaften ein und ruft zum Unterzeichnen der Europäischen Bürgerinitiative "30 km/h - macht die Städte lebenswert" auf. Alle Informationen dazu finden Sie hier.


 

Lesens- und Sehenswertes aus dem Netz:


Hintergründe zum Thema, zusammengestellt vom FUSS e.V.:
http://www.fuss-ev.de/Projekte/Tempo-30-in-unseren-Staedten.html

Hintergründe zum Thema, zusammengestellt vom VCD:
http://www.vcd.org/tempo30.html

Informationen zur EU Forderung:
http://www.adfc.de/7074_1
http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+IM-PRESS+20110927IPR27617+0+DOC+XML+V0//DE&language=DE

Informationen zum Thema Lärmbelastung, aufbereitet vom VCD:
http://www.vcd.org/verkehrslaerm0.html

Infosendung von 3Sat zum Thema Lärmbelästigung vom 26. Januar 2012:
http://www.3sat.de/mediathek/?display=1&mode=play&obj=29071

 

Broschüre „Nahmobilität 2.0“ der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Städte und Gemeinden:
http://www.fahrradfreundlich.nrw.de/cipp/agfs/custom/pub/content,lang,1/oid,5606/ticket,guest


Studien:

Niederländische Studie zum Thema Sicherheit auf Tempo 30 Straßen:
http://www.nationaler-radverkehrsplan.de/neuigkeiten/news.php?id=2571:

BASt Studie zur CO2-Emission bei Tempo 30:
http://www.bast.de/cln_033/nn_42256/DE/Publikationen/Berichte/unterreihe-v/2010-2009/v189.html?__nnn=true:

BASt Studie zum Thema Sicherheit in für Radfahrer geöffneten Einbahnstraßen:
http://www.bast.de/cln_033/nn_42256/DE/Publikationen/Infos/2003-2002/07-2002.html?__nnn=true

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