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Fragwürdige Jagd nach Einschaltquoten

26.07.2013

VSF fordert objektive Medienberichterstattung

„Panikmache statt Verbraucherinformation“ lautete kürzlich eine Pressemitteilung des VSF (Verbund Service und Fahrrad g. e. V.), in welcher der unabhängige Branchenverband die reißerische Berichterstattung der Stiftung Warentest (StiWa) anlässlich ihres letzten Pedelec-Tests kritisierte. Nun hat diese „Panikmache“ auch Einzug in die Fernsehberichterstattung gehalten: In verschiedenen Medienberichten der öffentlich-rechtlichen Sender wurde die Sicherheit von Pedelecs pauschal als mangelhaft dargestellt. In effekthascherischer Aufmachung berichteten unter anderem die Wirtschaftsmagazine „plusminus“ der ARD und „markt“ des WDR in sechsminütigen Beiträgen über das Thema, ohne dabei jedoch die dringend nötige Sorgfalt walten zu lassen, die ein solches Format erwarten ließe. In ein ähnliches Horn blies das Magazin "Kontraste" und polemisierte unter der Überschrift "umstrittener Freiheitswahn" gegen den eine Helmpflicht ablehnenden ADFC.

Dem VSF liegt sehr an einer kritischen und sachlichen Diskussion evtl. vorhandener Sicherheitsprobleme und deren Behebung. Eine tendenziöse, sensationsheischende Fernsehberichterstattung, wie sie aktuell geschieht, ist hierbei jedoch nicht zielführend. „Gerade von öffentlich-rechtlichen Sendern erwarten wir eine qualifizierte und objektive Berichterstattung, nicht aber die Irreführung und Desinformation der Zuschauer“, sagt Albert Herresthal, Vorsitzender des VSF.

Konkret kritisiert er die Fakten unterschlagende Berichterstattung bei „plusminus“.  In der Sendung vom 10. Juli wurde unter dem Motto "Pedelecs sind gefährlich" von einem tragischen Unfall eines 78-jährigen Mannes berichtet, der durch das Aufschaukeln eines Pedelecs bergab bei einer Geschwindigkeit von ca. 40km/h verursacht wurde. Nicht erwähnt bleiben dabei jedoch wesentliche Informationen: Das Tiefeinsteiger-Pedelec, welches das Unfallopfer fuhr, unterstützt lediglich bis 25 km/h und riegelt dann den Motor ab. Das heißt, zum Zeitpunkt des Unfalles war der Antrieb selbst garnicht mehr im Spiel. Das Flattern bzw. Aufschwingen eines Fahrrades ist zudem weder ein neues noch ein allein Pedelecs vorbehaltenes Problem. Das Phänomen kann unter bestimmten Umständen, z. B. bei Überladung des Rades oder falscher Gewichtsverteilung, auch bei unmotorisierten Fahrrädern auftreten. Tendenziell neigen sog. Tiefeinsteiger zu diesem Phänomen. „Ein flatterndes Fahrrad ist unbestritten inakzeptabel“, erklärt Herresthal. „Der VSF plädiert innerhalb der Branche dafür, dass jedes Fahrrad selbst bei ungewöhnlichen Geschwindigkeiten fahrstabil sein sollte.“ Das Unterschlagen der genannten Informationen bei „plusminus“ suggeriert dem Zuschauer jedoch, dass allein Pedelecs diese Flatterneigung aufweisen würden und diffamiert auf diese Weise pauschal Fahrräder mit Elektroantrieb.

Im Zuge der Reportage verweisen nun die Journalisten auf einen Pedelec-Test der StiWa und des ADAC aus dem Jahr 2011, in dem das Rahmenflattern beim Unfall-Modell bereits als Mangel benannt wurde. Vermutlich um einen „seriösen Zeugen“ für die mangelnde Qualität und die, nach Meinung der „plusminus“-Redaktion, „Vorhersehbarkeit des Unfalles“ anführen zu können. Doch wieder bleibt ein wesentliches Detail unerwähnt: Das Rad war trotz der bemängelten Flatterneigung von StiWa und ADAC zum Testsieger gekürt worden. Dieses gezielte Unterschlagen von Informationen liefert ein verzerrtes Bild der Fakten, um einen ohnehin schon tragischen Fall noch dramatischer erscheinen zu lassen. Diese Jagd nach Einschaltquoten und Sensationsgeschichten wird auch durch die verfälschende Wiedergabe von Aussagen des vereidigten Fahrradsachverständigen Dirk Zedler deutlich: „Meine ursprünglich sehr differenzierten Aussagen zu Pedelecs und zum aktuellen Marktgeschehen wurden durch radikale Zusammenschnitte sinnentstellend genutzt“, berichtet Zedler. So seien nur die Äußerungen in den Beitrag hingeschnitten worden, die in den negativen Grundtenor der Sendung passten. „Meine Differenzierungen und der Hinweis darauf, dass es gewaltige qualitative Unterschiede zwischen engagierten Markenanbietern und Billigherstellern gebe, wurden schlicht ignoriert und herausgeschnitten. Ein solches Vorgehen hätte ich möglicherweise bei Privatsendern erwartet, nicht aber beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen“, so Zedler.

Doch auch der WDR verzerrt in seiner Sendung "markt" vom 15. Juli das sehr differenzierte Marktangebot der Pedelecs, ohne die richtigen Schlussfolgerungen daraus zu ziehen: So wird u.a. ein billig-Pedelec von ATU, wohlgemerkt einem Autoteilehändler, als Beleg für die Gefährlichkeit von E-Bikes herangezogen. Die einzig logische Schlussfolgerung, dass man E-Bikes nur im qualifizierten und beratenden Fahrradfachhandel kaufen und ausführlich Probefahren sollte, wird jedoch nicht gezogen. Zudem nennt die Moderatorin den Preis von 1.000 bis 2.000 Euro in ihrer Anmoderation bereits ein "Heidengeld" und beweist damit wenig Sachverstand.


„Eine einseitige Berichterstattung, welche auf eine differenzierte Betrachtung der realen Marktsituation verzichtet, kann nicht im Sinne der Verbraucherinformation sein“, so das Fazit Herresthals. „Von einem Wirtschaftsmagazin der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten erwarten wir mehr Qualität."

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