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Fünfter vivavelo Kongress 2018 – Fünf Fragen an Initiator Albert Herresthal, Geschäftsführer VSF e. V.

17.04.2018

vivavelo fand 2018 zum fünften Mal statt - was wurde seit dem ersten Kongress 2010 erreicht?
Albert Herresthal:
Wir haben mit vivavelo einen gehörigen Beitrag dazu geleistet, dass das Thema Fahrrad im politischen Berlin stärker wahrgenommen wird und seit 2010 auch deutlich an Bedeutung gewonnen hat. Der vivavelo Kongress war die erste Veranstaltung, mit der sich die Fahrradwirtschaft in Berlin präsentiert hat. Es ist uns gelungen, hier die ganze Branche abzubilden, so vielfältig sie auch ist. Mit den politischen Abschlusserklärungen haben wir immer wieder relevante Themen auf die politische Agenda gesetzt – und einige unserer Forderungen wurden inzwischen auch umgesetzt, etwa der Einstieg in die Finanzierung von Radschnellwegen durch den Bund. Auch in einigen Ländern ist in Sachen Radverkehr seither deutlich mehr Dynamik entstanden.

Auf allen Kongressen war viel Politprominenz zugegen – aber kein Bundesverkehrsminister. Wie bewerten Sie das kontinuierliche Ausbleiben des Ministers?
Herresthal:
Ja, es ist schon erstaunlich, wie sich die Hausleitung des Bundesverkehrsministeriums bisher gegenüber der Fahrradbranche verhält. Jede Woche reist Minister Scheuer durch die Republik, um feierliche Spatenstiche für Autobahn-Ausbauabschnitte zu zelebrieren (13.4.18) oder einen 8 km langen Autobahn-Neubau zu feiern (4.4.18), aber für die Fahrradwirtschaft nimmt er sich keine Zeit. Minister Scheuer setzt hier, ebenso wie sein Vorgänger im Amt, ganz offensichtlich die falschen Prioritäten. Wir empfinden das als eine Missachtung unserer Branche – das würde er sich gegenüber der Automobilindustrie niemals erlauben.

Welche Erwartungen haben Sie an die neue Bundesregierung?
Herresthal:
Wir erwarten, dass sie ihren Slogan „Ein Weiter-So darf es nicht geben“ besonders in der Verkehrspolitik in praktische Politik umsetzt. Die Bundesregierung muss endlich die dringend benötigten Rahmenbedingungen für eine zukunftsfähige Verkehrspolitik schaffen. Das geht jedoch nicht mit den Rezepten aus dem letzten Jahrhundert. Wir erwarten, dass die neue Bundesregierung erkennt, dass die überfällige Verkehrswende eine hohe Relevanz auch für etliche weitere Politikfelder hat (Klimaschutz, Gesundheit, Stadtentwicklung, Umwelt, Lebensqualität). Es gibt kaum einen Lebensbereich, der nicht von unserer gegenwärtigen Praxis, Verkehr zu organisieren, berührt ist – leider meist mit negativen Auswirkungen. Wir brauchen also dringend eine Neuausrichtung der Verkehrspolitik.

Die Niederlande und skandinavischen Länder zeigen, dass Stadtverkehr auch anders geht. Warum tun wir uns in Deutschland so schwer mit der Mobilitätswende?
Herresthal:
Es gibt hierzulande eine tief verwurzelte Technik-Gläubigkeit. Wir Deutschen sind davon überzeugt, die meisten Probleme mit Technik lösen zu können. Das ist ja auch viel bequemer, denn so müssen wir unsere Verhaltensmuster nicht ändern. Nur funktioniert das leider nicht, wie wir aktuell deutlich sehen können. Einzelne Interessengruppen benutzen gerne den Technikglauben, um die notwendigen Struktur- und Verhaltensänderungen zu torpedieren oder zumindest um Zeit zu gewinnen. Wenn eine solche Geisteshaltung auch in der Bundesregierung weiterhin vorherrscht, dann wird es natürlich schwierig, die erforderlichen Schritte für eine Mobilitätswende anzugehen. All dies wird noch erschwert durch die Tatsache, dass Infrastruktur für Jahrzehnte gebaut wird. Veränderungen brauchen nicht nur lange Planungs- und Umsetzungszeiten - auch die vorhandene Infrastruktur ist nicht so schnell zu verändern.

Was wünschen Sie sich für die Verkehrspolitik in den kommenden zehn Jahren?
Herresthal:
Die Verkehrsprobleme, unter denen wir heute leiden, sind das Ergebnis der einseitigen Verkehrspolitik der letzten Jahrzehnte. Mit einer Fortsetzung dieser Politik werden wir die Probleme also nicht lösen können. Doch leider ist die Verkehrspolitik ein Hort der Ideologie. Die Gleichung „Verkehrssteigerung = Wirtschaftswachstum = Lebensqualität“ hat noch nie gestimmt, wird aber noch immer gern gepredigt und zur Verfolgung von Einzelinteressen eingesetzt. Heute wissen wir, dass es in die Irre führt, wenn wir Politikbereiche getrennt voneinander betrachten, denn die Verkehrspolitik ist auch Teil der Probleme beim Klima, der Gesundheit, der Umwelt etc. Gesellschaft und Politik müssen sehr rasch eine Vision dafür entwickeln, wie wir gut und in Wohlstand leben können – mit möglichst wenig Verkehrsbelastung. Gesundheitsschutz und Lebensqualität sollten ein größeres Gewicht erhalten. Aber wir dürfen keine Zeit mehr verlieren. Eine neue, nachhaltige Verkehrspolitik muss zügig und konsequent angegangen und umgesetzt werden. Die Systemvorteile von Fahrrädern und Pedelecs sind hierfür eine unübersehbare Empfehlung.

Quelle: VSF / Nora Erdmann